Angst ganzheitlich begegnen – 7 Perspektiven und German Angst

Angst dramatisch dargestellt von Buster Keaton

Fällt es gerade besonders schwer zu unterscheiden, wo die als normal geltende Angst aufhört und wo die Angststörung beginnt? Und was, darüber hinaus, einfach die übernommene German Angst sein könnte?

Beginnen wir mit der offiziellen Definition von Angst. 

Sie gilt als ungerichteter Gefühlszustand, der eine unbestimmte Bedrohung signalisiert. In Abgrenzung zur Furcht, die sich auf konkrete Situationen und Dinge bezieht.

Vorab: Die gute Absicht der Angst

Das Grundgefühl Angst ist Jahrtausende alt. Sie warnte (und warnt) vor wilden Tieren und bösen Menschen. Sicher ist eine Angst auf Realismus zu prüfen. Bevor sie akzeptiert, therapiert oder gar transformiert wird.

Das Spezielle an der Zukunftsangst

Ist Zukunftsangst nun eher eine Angst oder doch eine Furcht? Sie ist ja einerseits unbestimmt. Andererseits wird sie durch konkrete Befürchtungen gestützt: Der Furcht, zuhause gar nicht mehr heizen zu können. Der Furcht, die Firma dicht machen zu müssen oder betriebsbedingt den Job zu verlieren. Der Furcht, die Rechnungen nicht mehr zahlen zu können. Die Furcht, dass die Hallenbäder schließen. Und all das durch die Medien noch befeuert. Denn Blut verkauft sich besser als Jahrgangschampagner. What bleeds leads.

Da trifft es selbst die Härtesten von uns.  Manchmal zumindest. Gleich, ob auf hohem Niveau oder gleich niedrigem. Es fühlt sich umfassend an. Alarmierend. Grübelnd. Wachliegend. Gelähmt. Blockiert.

Wenn du dieses Grundgefühl kennst, weißt du, wie unausweichlich und unentrinnbar die Situation scheint. Selbst dann, wenn es sich nicht um eine ausgewachsene Angststörung oder Panikattacke handelt. Gibt es in dem Moment eine Lösung? Zumindest ohne ungeprüft nach den (sicher in einigen Fällen sinnvollen) Verkaufsschlagern der Arzneimittelindustrie zu greifen?

Die hilfreiche Frage

Wie lässt sich das hin und wieder auftretende allzu menschliche Grundgefühl leichter ertragen?

Der philosophische Ansatz

Am Erleuchtetsten, wäre es wohl, zu erkennen, dass das, was ich gerade fühle, durch das eigene Denken im Moment, ob bewusst oder unbewusst, verursacht wird. Dass ich mehr bin als meine Angst und ich mich auf meine Resilienz in jeder kommenden Situation verlassen kann. Und darauf, dass sich der Inhalt meiner persönlichen Gedanken auch wieder ändern wird. Und damit das Gefühl.

Angst und Nervensystem-Perspektive

Medizinisch wäre dem hinzuzufügen, dass oft zusätzlich die Kampf-Flucht-Anteil des autonomen Nervensystems und die hormonelle Stressachse aktiviert wird. Auswirkungen sind einerseits eine körperlich höhere Reaktionsbereitschaft. Andererseits jedoch – kognitiv – eine eingeschränkte Hirntätigkeit, da die Leistung des vorderen Stirnlappens des Gehirns runtergefahren wird. (Der Verdauung-Erholung-Selbstheilung-Anteil des autonomen Nervensystems kann übrigens u.a. mit Osteopathie gestärkt werden.)

Aus Sicht der Körperpsychotherapie

Körperpsychotherapeutisch, nach Jack Lee Rosenberg, wäre es bei Angst – gesehen als Fragmentierung vom Selbst – auch sinnvoll, anzuerkennen, dass wir schonmal derart fragmentiert waren. Wir wieder herausgekommen sind. Und wenn das einmal geht, dann auch zweimal.

Dabei ist es auch beruhigend zu wissen, dass unsere größte Angst schon längst eingetreten ist, in der Vergangenheit liegt. 

Dann kann es körperlich mit  Atem- und Präsenz-Techniken und sanften Bewegungsübungen vorangehen.

Das Heilsame angewöhnen bringt Perspektive

Selbsterklärend ist es, dass Struktur und Regelmäßigkeit stärkt. Was kann das individuell bedeuten? Mehr Schlaf? Einfach bewusster und tiefer atmen? Gleich Meditieren? Beten? Bewegung in der Natur? Oder sonstwie freudvoller Sport machen? Positivere Beziehungen entdecken und entwickeln?

Das Schädliche lassen bringt Freiraum

Das weißt du mit Sicherheit schon: Süchte aller Art machen anfälliger für Angst. Speziell die, die direkt körperlich schaden und/oder den Schlaf rauben. Mediensucht und Grübeln gehören dazu. So wie Beziehungen, die nicht gut tun. Ausmisten…

Papier ist geduldig für mehr Perspektive

Tagebuch schreiben hilft. Gleich in welcher Form. Ganz frei und regelmäßig. Oder einfach als Schreibübung, um die Ängste zu definieren. Worst-case-Szenarien aus dem Kopf aufs Papier zu bekommen, mögliche realistische Auswirkungen zu sehen. Sich auf Lösungen und mögliche Gewinne zu freuen.

Und was ist nun mit German Angst?

Die meisten Deutschen sind Kriegsenkel:innen. Heißt zum einen: Wir mussten uns viel über Beängstigendes anhören und mitfühlen. Zum anderen ist es erwiesen, dass Trauma über die Generationen weitergegeben werden können. Sind Deutsche deshalb ängstlicher als zum Beispiel Amerikaner:innen, Engländer:innen und Franzosen?

Auf einer Webseite von Deutschlandfunk Nova steht:

Der Historiker Frank Biess sah 2021 einen Zusammenhang mit vergangenen Angst schürenden Ereignissen, die ins kollektive Gedächtnis der deutschen Gesellschaft eingegangen sind:

“Wie Hypochonder befürchteten die Deutschen oft das Schlimmste – nur um dann festzustellen, dass die Wirklichkeit weniger schlimm war.“

Hat er etwa dieses sowohl dem amerikanischen Schriftsteller Mark Twain als auch dem englischen Politiker Churchill und gelegentlich dem Franzosen Michel de Montaigne zugeschriebene Zitat gelesen:

„In meinem Leben habe ich unvorstellbar viele Katastrophen erlitten. Die meisten davon sind nie eingetreten.“

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